Cyberpunk: Interview mit mehr als 20 derzeitigen & ehemaligen Entwicklern von CD Projekt Red über die Hürden bei der Entwicklung des Spiels

by Ed Snow

Cyberpunk: Interview mit mehr als 20 derzeitigen & ehemaligen Entwicklern von CD Projekt Red über die Hürden bei der Entwicklung des Spiels

Update: Adam Badowski hat inzwischen Stellung zu einigen der in diesem Interview getätigten Aussagen genommen. Ihr findet die Stellungnahme hier

Cyberpunk 2077: Studiochef äußert sich zum Mitarbeiter Interview mit Jason Schreier & nimmt Stellung zu einigen Vorwürfen

Jason Schreier, ehemaliger Redakteur von Kotaku, der bekannt ist für seine zahlreichen Enthüllungsberichte in der Videospielbranche, hat nun in einem neuen Beitrag für Bloomberg ein Interview mit 20 derzeitigen und ehemaligen Mitarbeitern von CD Projekt Red geführt. Darin thematisiert er einige der Probleme, die im Verlauf der Entwicklung von “Cyberpunk 2077” aufgetreten sind. Aus Angst um ihre Jobs bleiben einige Mitarbeiter anonym.

Neue Technologien und Hürden

Aufgrund der neuen Anforderungen durch das Setting musste das Studio während der Entwicklung an neuen Technologien arbeiten, mit denen sie noch keine Erfahrung hatten. Zudem mussten neue Mitarbeiter eingestellt und neue Techniken erlernt werden. Ein Mitarbeiter vergleicht im Verlauf des Interviews die Entwicklung des Spiels damit, einen Zug zu fahren, während die Schienen vor diesem aufgebaut werden.

Der ehemalige Audioprogrammierer Adrian Jakubiak sagte, einer seiner Kollegen habe während eines Meetings gefragt, wie das Unternehmen ein so technisch anspruchsvolleres Projekt im gleichen Zeitraum wie “The Witcher” realisieren könne. Auf diese Frage antwortete ihm ein anderer:” Wir werden es auf dem Weg herausfinden “. CD Projekt Red hatte jahrelang nach dieser Mentalität spiele entwickelt. Doch diesmal konnte es das Unternehmen so nicht bewerkstelligen. Er fügte hinzu: “Ich wusste, dass es nicht gut gehen würde. Aber ich wusste nicht, wie katastrophal es sein würde.”

Trotz Ankündigung in 2012 startete Entwicklung erst 2016

Andere Mitarbeiter erklärten gegenüber Bloomberg, dass die Entwicklung von “Cyberpunk 2077” trotz der Ankündigung im Jahr 2012 erst Ende 2016 begann. Der Grund hierfür war, dass sich CD Projekt Red zu dieser Zeit noch hauptsächlich auf seinen letzten Titel konzentrierte.

Personen, die mit der Entwicklung vertraut waren, erklärten, dass Ende 2016 dann der Neustart folgte. Der Studioleiter Adam Badowski übernahm die Regie und forderte eine Überarbeitung des Gameplays und der Geschichte von Cyberpunk 2077. Im nächsten Jahr änderte sich dann alles, einschließlich grundlegender Elemente wie der Gameplay-Perspektive. Einige der Top-Mitarbeiter, die zuvor an “The Witcher 3” arbeiteten, hatten eine andere Meinung darüber, wie Cyberpunk entwickelt werden sollte. Daher gerieten sie mit Badowski aneinander, was letztlich dazu geführt hatte, dass sie das Studio verlassen haben.

Man wollte die Welt beeindrucken

Den Informationen diverser Personen, die an Cyberpunk 2077 gearbeitet haben, lag der Schwerpunkt von CD Projekt darauf, die Welt mit dem Spiel zu beeindrucken. Erstes Gameplay wurde dann 2018 im Rahmen des Xbox Showcase präsentiert. Darin sah man den Hauptcharakter V,  der sich auf eine Mission begab und den Zuschauern eine großartige Tour durch die dystopische Stadt “Night City” bot.

Sowohl die Zuschauer als auch die Presse waren von den Ambitionen und dem Umfang des Spiels begeistert. Was niemand wusste, war, dass die gezeigten Szenen nicht das Endprodukt widerspiegelten. CD Projekt hatte die zugrunde liegenden Gameplay-Systeme noch nicht finalisiert und codiert. Aus diesem Grund fehlten später im Endprodukt einige der Funktionen wie unter anderem Autoüberfälle. Einige der Entwickler meinten im Interview mit Bloomberg, dass für diese Demo Monate an Arbeit verschwendet wurden, die man eigentlich für die Entwicklung des Spiels hätte verwenden müssen.

Überstunden

Obwohl Iwiński den Mitarbeitern sagte, dass Überstunden bei Cyberpunk 2077 nicht obligatorisch seien, arbeiteten diese über ihre eigentlichen Arbeitszeiten hinaus. Mehr als ein Dutzend der Mitarbeiter gaben an, dass sie sich von ihren Managern oder Mitarbeitern ohnehin unter Druck gesetzt fühlten, zusätzliche Stunden einzuplanen.

Es gab Zeiten, in denen ich bis zu 13 Stunden am Tag arbeitete – ein bisschen mehr als das war wahrscheinlich mein Rekord – und ich arbeitete fünf Tage die Woche so “, sagte Jakubiak, der ehemalige Audioprogrammierer, und fügte hinzu, dass er  nach seiner Heirat den Job aufgab und kündigte. “Ich habe einige Freunde, die ihre Familie deswegen verloren hatten.”

Die ganzen Überstunden haben die Entwicklung des Spiels jedoch nicht beschleunigt. Im Rahmen der E3 im Juni 2019 gab CD Projekt Red bekannt, dass “Cyberpunk 2077” am 16. April 2020 erscheinen wird. Die Fans waren begeistert, aber intern konnten einige Mitarbeiter des Teams nur mit der Stirn runzeln und fragten sich, wie sie es bis dahin schaffen sollen, die Arbeiten am Spiel abzuschließen. Eine Person sagte, sie hielten das Datum für einen Witz. Basierend auf den Fortschritten des Teams erwarteten sie eine Fertigstellung von “Cyberpunk 2077” im Jahr 2022. Einige Entwickler erstellten sogar Memes über eine weitere Verschiebung des Spiels und sie schlossen Wetten darüber ab, wann es passieren würde.

Gestrichene Features, kleinere Stadt und Unterbesetzung

Das Streichen einiger Features und eine Verkleinerung der Cyberpunk Metropole haben zwar geholfen, jedoch bremste das Wachstum des Teams einige Abteilungen aus. Während “The Witcher 3” noch von etwa 240 Mitarbeitern entwickelt wurde, arbeiteten an “Cyberpunk 2077” nun weit über 500 Personen. Man war diese Größe nicht gewohnt und so fühlte sich die Entwicklung einigen Mitarbeitern zufolge oft sehr unorganisiert an.

In Anbetracht ihres Vorhabens ein so umfangreiches Spiel zu entwickeln, war CD Projekt Red jedoch unterbesetzt. Zusätzlich kam es zu kulturellen Hindernissen, die durch die Einstellung von neuen Entwicklern aus den USA und Westeuropa entstanden. Das Studio forderte zwar alle auf, bei Treffen mit nicht polnischen Mitarbeiten auf Englisch zu sprechen, aber nicht alle befolgten diese Regeln.

Ziel, den Titel auf PC, PS4 und Xbox One zu veröffentlichen

Trotz eines unrealistischen Zeitplans drängte das Management darauf, das Spiel 2020 zu veröffentlichen. Eine Verzögerung sei keine Option. Das Ziel war es “Cyberpunk 2077” noch vor der Ankündigung und der Veröffentlichung der beiden Next Gen Konsolen Xbox Series X|S und Playstation 5 auf den Markt zu bringen. Auf diese Weise könnte man das Spiel zuerst auf PS4, Xbox One und PC veröffentlichen. Später sollen dann eine Version für die Next Gen Konsolen folgen. Außerdem sollen Spieler, die es bereits für die alte Konsole erworben haben, ein kostenloses Upgrades erhalten.

Zu Komplex für Last Gen Hardware

Einige der Entwickler fanden, dass “Cyberpunk 2077” ein zu komplexes Spiel sei, um auf der sieben Jahre alten Hardware gangbar zu machen. Die Welt von Night City voller Menschenmengen und riesiger Gebäude beansprucht zu viel Leistung. Sie sagten, das Management habe ihre Bedenken jedoch zurückgewiesen und auf den Erfolg von “The Witcher 3” verwiesen.

Releaseverschiebung, Homeoffice ohne Zugriff auf Konsolendevkits

Ende 2019 sah das Management schließlich ein, dass die Veröffentlichung von “Cyberpunk 2077” verschoben werden muss. Und so entschied sich CD Projekt Red schließlich im vergangenen Jahr dazu, den Titel auf September 2020 zu verschieben.

Als dann noch die COVID-19-Pandemie im März hinzukam und die Menschen zwang, im Homeoffice zu arbeiten, kam es zu weiteren Problemen. Die Entwickler hatten von zu Hause keinen Zugriff auf die Konsolen DevKits, da diese weiter im Büro der Firma standen. Dies hatte zufolge, dass sie Builds des Spiels auf ihren PCs spielten. Den meisten war gar nicht klar, wie “Cyberpunk 2077” auf PS4 und Xbox One laufen wird. Externe Tests zeigten dann deutliche Leistungsprobleme.

Zusätzlich war auch die Kommunikation auf E-Mails und Videocalls beschränkt. Eine Kommunikation, die normal im Büro reibungslos verlief, fand nun nur noch mit Verzögerung statt. Das Spiel musste erneut verschoben werden. Der neue Termin wurde dann auf November 2020 festgelegt.

Kurz vor Release noch immer unfertig

Mit dem sich nähernden Release wusste jeder im Studio, dass sich das Spiel noch immer in einem sehr rohen Zustand befand. Es würde mehr Zeit benötigen, so einige Personen, die mit der Entwicklung vertraut waren.

Es fehlten Dialogzeilen und einige Aktionen haben ebenfalls nicht richtig funktioniert. Als das Management im Oktober bekannt gab, dass das Spiel „Gold Status” erreicht habe – dass es bereit war, auf Discs gepresst zu werden – konnten immer noch große Fehler entdeckt werden. Das Spiel wurde um weitere drei Wochen verschoben, während erschöpfte Programmierer sich weiter bemühten, so viel wie möglich zu reparieren.

Mit der Veröffentlichung am 10. Dezember 2020 legte der Titel dann trotz der positiven Reviews der PC Version einen holprigen Start hin. Viele Spieler waren enttäuscht über Fehler, die insbesondere auf den Last Gen Konsolen auftraten. Auch die gestrichenen Inhalte standen in der Kritik. Es folgte einige Tage darauf sogar eine Entfernung aus dem Playstationstore.

Die Verantwortlichen von CD Projekt Red haben unterdessen weitere Updates angekündigt und erklärt, dass man sich das Vertrauen der Spieler zurückverdienen möchte. Eine Roadmap für geplante Updates wurde zwischenzeitlich ebenfalls enthüllt. Die Veröffentlichung des ersten DLC sowie die Next Gen Upgrades wurden auf die zweite Jahreshälfte verschoben. Auf die gesamten geplanten DLC-Inhalte als auch den Mehrspieler habe der holprige Start jedoch keine Auswirkung, so das Studio in einem Statement am Wochenende. Mehr dazu findet ihr in unserem vorherigen Beitrag (hier klicken). Das nächste Update wird übrigens schon im Laufe der kommenden Woche erscheinen.


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